Gehörlos oder Taubstumm?

Für mich als Gebärdensprachdolmetscherin ist es immer wieder erschreckend, wie viele Menschen noch "taubstumm" sagen, selbst Ärzte! Ein besseres Wort wäre "gehörlos" oder "hörgeschädigt". In der heutigen "Taubenbewegung" wird sogar wieder von "taub" gesprochen. Aber niemals von "taubstumm". Denn die Gebärdensprache ist eine Sprache. Die Menschen, die Gebärdensprache benutzen, sind also nicht stumm, sondern sie können sich mitteilen. In ganz einfacher und vielfältiger Art und Weise. Jeder Inhalt ist in Gebärdensprache zu übermitteln. Die hörgeschädigten Studierenden können mittels der Gebärdensprache alle Unterrichtsinhalte verstehen und sich am Unterricht durch Gebärdensprachdolmetscher/innen aktiv beteiligen.
 
Gebärden werden sogar für Kinder mit Migrationshintergrund als "Erste Sprache in Deutschland" eingesetzt. Wir sollten uns verabschieden von alten Vorurteilen, durch die Gebärdensprache verboten war. Gehörlose Kinder haben lange genug darunter gelitten, dass der Unterricht lautsprachlich, also missverständlich, erfolgte. Viele erwachsene Hörgeschädigte sind nur geringfügig fähig richtig zu lesen und zu schreiben. Das ist der "Erfolg" der "oralen Methode", wie der lautsprachliche Ansatz heißt.

Ich bin der Meinung, dass noch niemals auf der ganzen Welt auch nur eine einzige Gebärden auch nur einem einzigen Menschen geschadet hat. Im Gegenteil. Wir Hörenden sind fasziniert von dieser vielfältigen und lebendigen Sprache. Und in der Schule ist der Auftrag "Wissen zu vermitteln" und nicht über eine Sprachform zu entscheiden. Der Lautsprachliche Ansatz ist misserfolgreich und hat viel Elend verursacht. Erwachsene Gehörlose sagen, dass ihnen eine Menschenrechtsverletzung in ihrer Kindheit angetan wurde.

Gehörlose Kinder können sich nicht wehren. Sie sind darauf angewiesen, was an der jeweiligen Schule "erlaubt" und was "verboten" ist. Ich hoffe sehr, dass die Kulturminister/innen sich bald darauf einigen, Gebärdensprache in ihrer ganzen Vielfalt und mit ihren ganzen Fähigkeiten im Unterricht für hörgeschädigte Schüler/innen einzusetzen.

 

Kinder haben ein Recht auf Bildung. Es sollte gewährleistet sein, dass jede Lehrerin/ jeder Lehrer, die an einer Schule für Hörgeschädigte arbeiten in der Lage ist den Unterricht in Gebärdensprache abzuhalten. Viele Hörende sind nicht darüber informiert, dass der Unterricht an Gehörlosenschulen häufig "nicht" in Gebärdensprache stattfindet und fragen sich, wie das funktionieren soll und sind entsetzt, wenn sie dieses lesen.
 
Es gibt Lehrer/innen an Schulen für Hörgeschädigte, die gebärden können, es aber nicht dürfen! Immer
noch wird Eltern von Ärzten erzählt, dass sie auf keinen Fall mit ihren Kindern gebärden sollen.

So ist es ein einziger „Eiertanz" zwischen den ganzen „Fettnäpfen", in die jemand in diesem Bereich treten kann.
Es ist klar, dass Eltern hierdurch sehr verunsichert werden!

Ich hoffe, dass das bald der Vergangenheit angehört! Und mein Wahlspruch ist: „Machen Sie doch, was
Sie wollen" (smile). Ich meine es ernst! Fragen Sie 3 Ärzte, und Sie bekommen 4 Meinungen! Genau so
ist es in unserem Bereich. Daher rate ich Ihnen auf Ihr Gefühl zu hören und sich unter Umständen gegen
Ärzte, gegen Pädagog/innen und gegen einen Schulleiter zu stellen! Das kann ein harter Weg sein. Aber
meiner Meinung nach können die Kinder nur mit einem Größtmaß an Vielfalt gut unterrichtet werden.
Alle Kanäle sind hierbei zu nutzen. Und nicht den für Hörgeschädigte größten Kanal (nämlich die Augen,
und damit meine ich nicht zum Ablesen sondern zum Inhalt durch Gebärden erkennen) von vornherein
zu verdammen. Das sollte alles bald der Vergangenheit angehören. Dafür setze ich mich ein und hoffe,
dass Sie auf Ihrem Weg die richtigen Menschen finden, mit denen Sie auch Small-Talk halten können
und sich aufgehoben fühlen! Wenn Sie Fragen haben, mailen Sie mich gerne an. Ich wünsche Ihnen und
Ihren Kindern das Glück auf die für Sie richtigen Menschen zu treffen.


Verlag Birgit Jacobsen
Verlag  Birgit Jacobsen
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